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Blaue Schatten – Leseprobe aus dem Buch „Was uns Jägern wirklich bleibt…“

Blaue Schatten – Leseprobe aus dem Buch „Was uns Jägern wirklich bleibt…“

Sehr viele Jäger gehen am Heiligen Abend nochmal zu ihrem Wild ins Revier. So auch Gerd H. Meyden, der dabei ein besonderes jagdliches Erlebnis hatte. Was sich ereignete, erzählt er in seinem Buch „Was uns Jägern wirklich bleibt…“.

Hier die etwas gekürzte Geschichte.

Schon in meinem Niederwildrevier bin ich immer am Nachmittag des Heiligabends hinaus ins Revier gefahren, um dem Wild noch ein paar besondere Gaben zu bringen. So pflege ich den Brauch auch weiterhin in meinem Hochgebirgsrevier.
Obwohl die Jagd an diesem Tag zu ruhen hat, nehme ich dennoch die Büchse mit, denn Jagd und Jagdschutz sind zwei Paar Stiefel.
Silva, meine Schweißhündin, steht schon rutenwedelnd vor unserem Pick-up; sie findet, ohne sie geht gar nichts. Gleich hupft sie auf den Beifahrersitz und schaut fachkundig auf die Wegstrecke.
Unsere Fahrt geht allmählich bergauf, und der Schnee wächst, je weiter wir an Höhe gewinnen. Wenige Fährten kreuzen wir, das Wild bewegt sich nicht unnötig und steht in der Nähe der Fütterungen. Nur eine Gamsfährte, sonderbar, so weit hier herunten.
Nach einer halbstündigen Fahrt liegt „meine“ Fütterung vor mir. Nach einer weiteren Stunde bin ich fertig, die Raufen sind mit duftendem Grummet gefüllt, Kastanien, Eicheln und Pellets in die Tröge geschüttet. Zum Schluss werfe ich eine Menge Zuckerrüben reihum in den Schnee. Morgen wird nichts mehr davon übrig sein. Hier im abgelegenen Bergwald ist das Wild auf den Jäger angewiesen. Was soll es im Tal? Und wohin auch?
Ich werfe noch einen dankbaren Blick auf Wald und Berge, wo ich so viel Schönes erleben konnte, schaue noch einmal hinauf zu dem Platz, an dem ein Freund unter meiner Führung einen alten Achter erlegen konnte und fühle mich reich beschenkt, hier sein zu dürfen.
Herr und Hund besteigen wieder ihr Fahrzeug, zufrieden rollen wir talaus. Nach kurzer Fahrt muss ich plötzlich anhalten. Eine Gams steht nahe der Fahrstraße, knapp am Abgrund zum Tobel, wo weit unten der Bergbach zu Tal tost. Ganz offenbar eine Geiß, das sehe ich auch ohne Glas. Warum rührt die sich nicht? Was ist mit der los? Jetzt nehme ich doch das Glas zur Hand. Da sehe ich es: Die Geiß ist blind. Die Lichter sind verklebt und erloschen. Überdies ist sie total abgekommen, ganz spitz sticht das Rückgrat aus der schlecht verhärten Decke.
Da gibt’s kein langes Überlegen. Wie gut, dass ich die Büchse dabei habe. Wenn ich sie jetzt erlöse, muss sie unbedingt am Fleck liegen bleiben, sonst rutscht sie über die Wegkante und verschwindet in der Tiefe.
Unbeweglich, wie angewachsen, steht die Blinde. Wenn sie doch nur einen Schritt zurück täte! Sicher ahnt sie den Abgrund vor sich und traut sich weder vor noch zurück. Ich muss dem Drama ein Ende machen!
Den Schuss, bewusst voll auf die Blattschaufel, hat sie nicht mehr vernommen. Erloschen und erlöst liegt sie nahe der Abbruchkante. Da, ein letztes Schlegeln, und sie fährt ab in die Tiefe. Als ich vom Anschuss hinunter schaue, sehe ich sie auf halber Strecke am Stamm von einem Bergahorn hängen. Na bravo, da muss ich halt hinunter!
Bis ich sie zum Weg heraufgezogen habe, ist fast eine Stunde vergangen. Eine schwierige Bergung bei dem Schnee und dem steilen Gelände, da musste ich auch noch einen Umweg machen, um an sie heranzukommen.
Den Grind schärfe ich ab, den Körper, der nur noch aus „Haut und Boaner“ besteht, schleife ich ein Stück bergauf. Adler, Füchse und Raben werden den Kreislauf beschließen.
Inzwischen ist es dämmrig und klirrend kalt geworden. Der kurze Tag geht zur Neige. Die blauen Schatten des Winterabends liegen über dem Schnee. Sehr nachdenklich fahre ich heimzu.
Sehen können! Welch ein Geschenk! Man nimmt es als selbstverständliche Gabe und denkt nicht darüber nach, wie es wäre, gefangen in ewiger, schwarzer Nacht zu sein. Dankbar schaue ich hinauf zu den Gipfeln, freue mich am rötlichen Abendschein droben auf den Schneefeldern, den schroffen Gipfeln, den verschneiten Bäumen, freue mich, dass ich die Schönheit der Natur mit meinen Augen sehen kann.
Und noch etwas freut mich, bei aller Dramatik der leidenden Kreatur: Dass ich Jäger bin, dass ich ein Mitgeschöpf von seinem Elend erlösen konnte.
Später dann, beim Schein der Kerzen am festlich geschmückten Christbaum, denke ich voller Dankbarkeit immer wieder: Welch wunderbares Geschenk, dass ich das alles erschauen kann.

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